Wasserwirtschaftliche Anpassungs-

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strategien an den Klimawandel


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Delphi-Workshop
Fachkonferenz des BMU zur Deutschen Anpassungsstrategie

Expertendelphi "Wasserwirtschaft und betroffene Sektoren" am 08.04.2008 im Umweltbundesamt (UBA) in Dessau

Am 08.04.2008 führten wir im UBA in Dessau ein Expertenelphi zum Thema Wasserwirtschaft und betroffene Sektoren" durch. Ziel dieser maßnahmen- und handlungsorientieren Befragung war es, dazu beizutragen, konkrete Handlungs- und Planungsziele für die Wasserwirtschaft in Kontext des Klimawandels zu definieren.

Ein ausführlicher Ergebnisbericht kann unter diesem Link heruntergeladen werden:
WASKlim_Delphi_Bericht.pdf

(Stand: 07.07.2008)

Ergebnisse / Fazit

Konsens bestand unter den Experten vor allem hinsichtlich der Relevanz der Bereitstellung von Informationen und sowie der Verbesserung von Klimaszenarien. Dies zeigte sich deutlich an der positiven Beurteilung von Anpassungserfordernissen zur Verstärkung der Kommunikation im Bereich Hochwasservorsorge, zur Verbesserung von Hochwasservorhersagen, zur flächendeckenden Einrichtung eines Niedrigwasser-Infodienstes mit Vorhersage sowie zur Ermittlung von zukünftigen Veränderungen der Grundwasserverhältnisse. 

Einige Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel und deren Umsetzung wurden kontrovers diskutiert und nicht in allen Fällen konnte ein gemeinsames Expertenvotum entwickelt werden. Die Beurteilung der Relevanz einzelner Anpassungserfordernisse und die Zustimmung zu verschiedenen Maßnahmen variierten vor allem in Abhängigkeit von der regionalen Zuständigkeit und bisherigen praktischen Erfahrungen. Das erste wichtige Fazit des Gruppendelphis ist es, bei allen geplanten Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel die regionalen Besonderheiten ausreichend zu berücksichtigen. So wurde z.B. im Bereich Grundwasser die Relevanz der Ausweisung von Vorranggebieten für die öffentliche Trinkwasserversorgung in Brandenburg aufgrund hoher Abwanderungszahlen als gering, in Baden-Württemberg dagegen als hoch eingestuft. Im Bereich Hochwasser wurde der HQ100 Wert, d.h. ein Hochwasserabfluss der im statistischen Mittel alle 100 Jahre auftritt, kontrovers diskutiert. Einige der Experten präferierten den HQ 100 - Wert und andere gaben an, dass die Bemessungsgrundlage regional differenziert zu betrachten und deshalb zu verändern sei. Sie schlugen Hochwasserschutzmaßnahmen basierend auf der Messung von Wasserständen unter Beachtung von Schadenspotenzialen vor. 

Die einzelnen Anpassungserfordernisse an den Klimawandel sind präzise zu formulieren, um etwaige Missverständnisse zu vermeiden. So wurde im Bereich Niedrigwasser die Relevanz der Güterverlagerung vom Schiff auf die Schiene konträr beurteilt. Allerdings zeigte die Diskussion im Plenum, dass die divergierenden Urteile aufgrund unterschiedlicher Betrachtungsweisen zustande kommen. So wird einer Güterverlagerung auf die Schiene insofern eine hohe Relevanz eingeräumt, als die Straße als alternativer Transportweg vermieden werden soll. Auf der anderen Seite wurde die Relevanz niedriger beurteilt, weil Massengüter der Schifffahrt häufig nicht "just in time" geliefert werden müssten und/oder die Kapazitäten auf der Schiene nicht ausreichten, um Schifffahrtsgüter in nennenswertem Umfang zu übernehmen. 

Generell hat das Gruppendelphi gezeigt, dass in vielen Handlungsfeldern bereits Maßnahmen durchgeführt wurden. Teilweise war in der Diskussion allerdings der direkte Zusammenhang mit dem Thema Klimawandel umstritten. In diesem Kontext wurde beispielsweise im Bereich Grundwasser die Reduktion von Düngemaßnahmen und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln kontrovers diskutiert. Einige Experten wiesen darauf hin, dass eine ordnungsgemäße Landwirtschaft diese Aspekte bereits berücksichtigt, andere Experten waren der Ansicht, dass der Klimawandel hier weiteren Anpassungsbedarf notwendig macht. In diesem Sinne ist bei der Entwicklung zukünftiger Strategien zwischen neuen, modifizierten und zu intensivierenden Maßnahmen zu unterscheiden. 

Für die weitere Entwicklung von Handlungszielen und Maßnahmenoptionen sind vor allem regionale Aspekte zu berücksichtigen, die Formulierungen präzise und unmissverständlich zu wählen, sowie bereits bestehende Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel zu berücksichtigen. Flächendeckend werden Anpassungserfordernisse im Bereich Vorhersage, Kommunikation und Bereitstellung von Informationen gesehen.

Autoren: Schetula, V. (Dialogik), Schulz, M. (Dialogik), Renn, O. (Dialogik) und Scherzer, J. (UDATA), 07.07.2008 

Hintergrundinformationen zum Delphi-Verfahren:

Klassisches Delphi

Unter den kognitiven dialogorientierten Verfahren hat sich die Delphi Befragung besonders bewährt. Dieses Verfahren wurde von der RAND Co. Mitte der 60er Jahre entwickelt und zunächst für die Bewertung von Verteidigungstechnologien eingesetzt. Später wurde es vor allem als Prognoseinstrument im Rahmen von Technikfolgenabschätzungen verwandt (Mintroff und Turoff 1975, Benarie 1988). Das Delphi-Verfahren setzte sich ursprünglich aus den folgenden Schritten zusammen:

(a)         Ein Forschungsteam stellt einen Fragenkatalog auf, in dem die zu erwartenden Konsequenzen einer Maßnahme oder einer Entscheidungsoption abgefragt werden.

(b)         Der Fragebogen wird an eine Gruppe von anerkannten Experten des jeweiligen Fachgebiets verschickt. Die Experten beantworten die Fragen nach bestem Wissen und schätzen die "subjektive Gewissheit", d.h. die geschätzte Validität ihrer eigenen Antworten.

(c)         Das Forschungsteam ermittelt die Durchschnittswerte, die Extremwerte und die Varianz der Antworten.

(d)          Der ursprüngliche Fragebogen wird zusammen mit der Auswertung der ersten Befragung an die Experten zurückgesandt. Dabei werden alle Namen der Experten anonym gehalten, um Beeinflussungen durch Status oder Seniorität auszuschalten. Die Befragten werden gebeten, den Fragebogen ein zweites Mal auszufüllen, diesmal aber mit der Vorgabe, die Ergebnisse der ersten Befragung als Korrektiv der eigenen Urteile mit in die erneute Urteilsbildung einzubeziehen. Zweck dieser zweiten Befragung ist es, die Varianz der möglichen Antworten zu reduzieren und die kollektive Urteilssicherheit zu erhöhen.

(e)             Die Schritte 2, 3 und 4 werden solange wiederholt, bis die Experten keine Änderungen ihrer Urteile mehr vornehmen.

Im Idealfall sortiert das Delphi-Verfahren die Bewertungen aus, die innerhalb der Expertengruppe konsensfähig sind oder einen Dissens begründen. Durch die Anonymisierung der Teilnehmer und den iterativen Prozess der Befragung kann der jeweilige Kenntnisstand ohne Rücksicht auf den Prestigewert eines jeden Teilnehmers am Delphi-Prozess dargestellt werden.

Modifiziertes Delphi

Einer der gravierenden Nachteile traditioneller Delphi Verfahren ist das Fehlen von Begründungen für die eingegebenen Expertenurteile. (Hill und Fowles 1975, S. 179-192; Benarie 1988). Deshalb haben wir eine Modifikation des Verfahrens entwickelt: das sogenannte Gruppen-Delphi (Webler u.a. 1991, S. 253-263; Renn und Webler 1998). Die Experten werden dabei nicht durch postalische Befragung und Rückkopplung miteinander verbunden, sondern werden zu einem gemeinsamen Workshop von ein bis zwei Tagen eingeladen. Wichtig ist dabei, dass die eingeladenen Experten die in der Fachwelt diskutierte Bandbreite an unterschiedlichen Auffassungen und Interpretationen vertreten. Gleichzeitig sollte die Zahl der eingeladenen Experten 16-25 Personen nicht übersteigen. Im Vorfeld oder spätestens zu Beginn des Workshops werden den Teilnehmern die Aufgabenstellung und die Struktur des Fragebogens erläutert. Dann werden die Teilnehmer in einer ersten Runde in drei bis vier Gruppen aufgeteilt. Jede dieser Kleingruppen von drei bis vier Personen erhält die gleiche Aufgabe, nämlich den erläuterten Fragebogen auszufüllen. Konsens wird dabei angestrebt, aber abweichende Voten sind möglich. Im Plenum müssen diejenigen Experten, deren Bewertungen signifikant vom Mittelwert aller anderen Teilnehmer abweichen, ihren Standpunkt eingehend vor den anderen begründen und im nicht-öffentlichen Streitgespräch verteidigen. Sinn dieses Austauschs von Argumenten ist es, die knappe Zeit für die Kommunikation auf die Themen zu lenken, bei denen offensichtlich die größte Diskrepanz in den Einschätzungen auftritt. Ziel der Diskussion ist es herauszufinden, worin der Dissens begründet liegt und ob die Diskrepanzen durch Informationen und Argumente der anderen Experten aufzulösen sind.

In einer zweiten Runde wird das Verfahren in neuen Kleingruppen wiederholt. Bei der Zusammenstellung der neuen Kleingruppen wird darauf geachtet, dass in jeder Gruppe Repräsentanten der Extremgruppen aus der ersten Runde vertreten sind (durch Permutation der Mitglieder). Die Abfolge von Einzelgruppensitzungen und Plenarsitzungen wird so lange fortgeführt, bis keine signifikanten Verschiebungen der Standpunkte mehr auftreten. Am Ende eines Gruppendelphis erhält man in der Regel eine wesentlich eindeutigere Verteilung der Antwortmuster. Entweder streuen die Einschätzungen der Experten um einen Mittelwert oder es bilden sich mehrgipflige Verteilungen. Im ersten Falle ist ein Konsens weitgehend erzielt, im zweiten Fall kann man deutlich mehrere, von einander getrennte Positionen ausmachen (Konsens über den Dissens). In beiden Fällen liefert das Delphi ausführliche Begründungen für jede Position.

Dieses Verfahren zur kognitiven Konsensfindung wird als Gruppen-Delphi bezeichnet (Webler u.a. 1991). Am Ende dieses Schrittes verfügt man über ein von den Experten getragenes Profil vermuteter oder geschätzter Handlungsfolgen einer jeden Entscheidungsoption auf den Kriterien, die von den beteiligten Parteien in der vorangegangenen Wertbaumanalyse als relevant vorgeschlagen wurden. Aufgrund der Expertendiskussionen sind auch die verbalen Begründungen für unterschiedliche Abschätzungen als zusätzliche Informationen zu den Profilen gespeichert.

Literatur

Benarie, M., "Delphi and Delphilike Approaches with Special Regard to Environmental Standard Setting," Technological Forecasting and Social Change, 33 (1988), S. 149-158

Hill, K. Q. und Fowles, J., "The Methodological Worth of the Delphi Forecasting Technique," Technological Forecasting and Social Change, 7 (1975), 179-192

Mintroff, I.L. und Turoff, M. (1975): Philosophical and Methodological Foundations of Delphi. In. H.A. Linstone und M. Turoff (Hrg.): The Delphi Method. Addison-Wesley: Reading, Mass., S. 17-36

Renn, O. and Webler, Th., "Der kooperative Diskurs - Theoretische Grundlagen, Anforderungen, Möglichkeiten," in: O. Renn, H. Kastenholz, P. Schild and U. Wilhelm (eds.), Abfallpolitik im kooperativen Diskurs. Bürgerbeteiligung bei der Standortsuche für eine Deponie im Kanton Aargau  (Hochschulverlag AG an der ETH Zürich 1998), pp. 3-103

Webler, Th.; Levine, D.;  Rakel, H.; and Renn, O., "The Group Delphi: A Novel Attempt at Reducing Uncertainty," Technological Forecasting and Social Change, 39, No. 3 (1991), 253-263

 

Autoren: Schetula, V. (Dialogik) und Scherzer, J. (UDATA), 12.01.2008 

 

WASKlim: UFOPLAN-Vorhaben 3707 41 105 im Auftrag des Umweltbundesamtes, Projektlaufzeit: 11/2007 - 9/2009